Bitte von unten an lesen
Zum Schluss
17/12/2009
Ich habe vor einigen Jahren mal Dokumentation von Marina Abramovics Performances aus den 70ern gesehen. Obwohl ich dazumals nichts wusste über die Künstlerin und den Kontext ihrer Kunst, sind die Videodokumentationen fest in meiner Erinnerung verankert. Das Bild, das mir am meisten geblieben ist seit dem, ist aus der Performance Rhythm 5, in der man Abramovic in der Mitte eines Feuer-Stern am Boden liegen sieht und an der Seite vom Bildschirm, den, von Abramovic erstellen Ablauf zur Dokumentation (“I construct a five-pointed star (the construction is made in wood shavings soaked in 100 litres of petrol)”- “I light the star”-”I walk around the star”-”I cut my hair and throw it into each end of the star”–”I cut my finger nails and throw them into each end of the star”-”I cut my toe nails and throw them into each end of the star”-”I enter the empty space in the star and lie down”). Marina Abramovic gilt als eine der Pionierinnen in Bezug auf Performances in denen der Körper im Mittelpunkt steht. Vor einigen Tagen bin ich auf ein Buch von ihr gestossen, zusammengestellt ua. von Klaus Biesenbach (Kurator im Moma), der im ersten Teil des Buches ein sehr aufschlussreiches und interessantes Interview mit der Künstlerin führt. Der zweite und dritte Teil des Buches beschäftigt sich wiederum intensiv mit ihren Werken. Das Interview beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema, das dieses Blog ein halbes Semester lang beschäftigt hat: Kunstdokumentation: “I hat a very strong sense of historical responsibility. From an early age I always thought about documenting. I think that’s why I have better documentation than so many artists from that time. Even if people questioned whether we should document performance or whether it was something that should just stay in memory, I always documented, even from the early days, with the Rhythms series.”
Dies ist der letzte Beitrag auf superkontinuum. Danke.
Die Monographie von Marina Abramovic erschien 2009 im Phaidon Verlag.
Das Moma zeigt 2010 eine grosse Retrospektive: Marina Abramovic: The Artist is Present.
Edit:
Um das Zitat noch zu vervollständigen: Abramovic erwähnt nach dieser Aussage ihre erste Videodokumentation. Mit deren Resultat sie nicht zufrieden war, gar die Performance wiederholen musste, weil der Filmende durch Zoomen, Verwackeln etc. der Performance einen zu eigenen Anstrich gegeben hatte, sprich sie liess ihn das Ganze nach ihrer Vorstellung wiederholen. Der Interviewer fragt an diesem Punkt, ob dies nicht eher einer inszenierten Produktion, denn einer Dokumentation entspräche. “Abramovic ist ein Controlfreak”, bringt es Marcel auf den Punkt und zeigt nochmal ein für ihn ein äusserst wichtiges Merkmal einer Dokumentation: die Subjektivität. Die Dokumentation kann es nicht geben; dokumentiert wird geschüttelt, nicht gerührt.
An dieser Stelle: Danke Marcel für dieses spannende Online-Semester, danke für dein Engagement und den guten Input!
Heute vor einem Jahr: Tracey Emin in Bern
15/12/2009
Eine Retrospektive. Text von vor einem Jahr nach 20 Years Tracey Emin:
Betritt man Tracey Emins temporäre Welt im Berner Kunstmuseum ist erst eine gewisse Selbstorientierung nötig. Wohl verbindet man unbewusst auch das zu Erwartende einer Ausstellung mit deren Hülle, der gebäudlichen, der geografischen. In mitten der Schweizerischen Beamtenkultur trifft man auf Emin, jenseits vieler Tabuvorstellungen und Moralisierung. Betritt man diese Welt ohne jegliches Vorwissen, wird schon bei der Betrachtung einer einzelnen Wand, einer Neonschrift, eines Textfragmentes klar, dass einem durch Emins Kunst zwangsläufig Tracey Emin selbst begegnet. Vielmehr ist eine Abkoppelung der Person von der Kunst kaum möglich.
Die Ausstellung beginnt bei Eindrücken aus ihrer Kindheit. Eine Installation über den Vater, der durch ein Guckloch in der Ferne schwebt. Die drückend, feuchte Atmosphäre Margates, der engen, englischen Küste. Vergewaltigung. Die tanzende Befreiung Emins in einer Videoarbeit. Sie erzählt von einer Tanzvorführung als Jugendliche, „slag, slag!“ wird gerufen und Emin „I’m out of here, I’m better than all of you!“. Die nachgefühlte Achterbahn des Geburtsort Emins, bezeichnend für ihr Leben. Die körperliche Befreiung Emins im Tanz, in der Sexualität, in Margate dann ausserhalb. Sexualität, Körper, Alkohol. Man kommt zu My Bed. Ihr Bett, welches für solche Aufruhr, Faszination sorgte. Resultat einer Krise und Nomination für den Turner Prize. Das Bett – sorgfältig von Emin und ihrer Crew Drapiertes – Verbrauchtes. Die Laken zerwühlt und schmutzig. Medikamente und Alkohol. Doch beim Anblick verliert das Bett die Wirkung des Drapierten. Diese Realität der Dinge, die Unterhosen, das gebrauchte Kondom, das Whiskyglas, scheinen obwohl keinen Meter entfernt, aus einer anderen Welt, widerspiegeln eine andere Realität. Halb voyeuristisch, halb befremdet kann man sich der Betrachtung schwer entziehen. Sobasex. Sobasex in Neonschrift über der ganzen Szene. (Emin gewinnt den Turner Prize nicht.)
Später, ein Rundgang durch Emins Wohnung. Im O-Ton erzählt sie kalenderartig über ihr Leben, zählt ihr Leben ab. Teil davon sind Geschehnisse, Personen, Beziehungen, Gefühle – Emins Innenwelt in der visuellen Darstellung ihrer Privaten Aussenwelt.
Tracey Emin. 20 years. Man gelangt in die Welt der Künstlerin, kann eine ihrer Realitäten betrachten. Sie scheint Wunden immer und immer wieder aufzukratzen, das innere Rebellieren, ist wie die Energie eines Gewitters in den Hallen des Kunstmuseums zu spüren. Kunst als Autobiografie, Autokunst.
Honest Pop
10/12/2009
Meine letzte Blog-Expedition führte mich in die Claudia Groeflin Galerie in die Ausstellung „POP is honest and so am I“ von Fabian Chiquet. Also erst nachdem ich etwa eine halbe Stunde die Dienerstrasse via Langstrasse rauf und runter lief (Hausnummer vergessen) und mich schon fast mit den Frauen in den Fenstern konfrontiert sah, die meine Suche missverstanden, fand ich dann schlussendlich in einem charmanten Hinterhof mein Ziel und klingelte mich in die Galerie rein .
Die Ausstellung ist auf zwei Stöcke aufgeteilt. Im ersten, gleich im Eingangsbereich der Galerie, sah ich zwei Wände mit Bildern. Diese guckte ich mir als erste an. Die Zeichnungen waren schwarz/weiss Zeichnungen mit pinken Schriftzügen: „ARE YOU HUMAN OR DANCER?“. „POWER TO THE AUDIENCE“. „SPEAK THEIR LANGUAGE“. „DO YOU WANT LOVE OR YOU WANT FAME“. Im meinem Kopf startete natürlich gleich eine Miniplaybackshow mit mir als Solo-Killercover „are you humaaan are you daaancer“ (weil so ist das wie ich es singe). Nach Fotografierung stieg ich dann in den unteren Teil hinunter und war gleich beeindruckt von den vielen gelben Klebestreifen auf dem Boden, so präzis gestreift, dass sich eine Schrift bildete. Also eigentlich sah ich das schon von oben und auch das Video, das an der Wand hing. Aber Ausstellungen mach ich normalerweise so wie andere essen, ich spar mir manches bis am Schluss auf.
Ich versuchte zu lesen was die Streifen sagen wollen, doch das war nicht so einfach durch das grelle gelb. Nach mehreren Anläufen: WE KNOW WHAT PEOPLE WANT FROM US. Könnte eine versteckte Botschaft der Pop-Industrie sein, denkt mein Paranoia-Ich, sie wissen was wir wollen, weil wir nicht mehr wissen was wir wollen – also das wollen, was sie wollen, das wir wollen – also wir sollen wollen! „POWER TO THE AUDIENCE“?
Ich guckte mir den Raum etwas genauer an. Hinter der Treppe sah ich dann die kleine Discoinstallation; drehende, blinkende Leuchtkugeln. Es hängen auch noch ein paar Bilder an der Wand, diesmal aus farbigen Plastikelementen zusammengestellt und mit roter Lackfarbe, wobei auch wiederum die Slogans im Zentrum zu stehen scheinen: „don’t stop me know“, „I want too much. No. I want everything“, „pop is honest and so am i“… Es schien mir der Moment gekommen zu sein, mich auf die videotechnische Ebene zu begehen, also schnallte ich mir die Kopfhörer an und machte es mir auf dem Streifenboden bequem.
Das Video ist eigentlich die Retrospektive auf die „Chris Crocker Show“, eine Elektro Oper, die Chiquet mit und als Mitglied von The bianca Story, mit Schauspielern und Chor entwickelt hat. Chris Crocker war mir bis dahin kein Begriff, obwohl ich normalerweise sehr uptotube bin im youtube. Auf jeden Fall ist Crocker Bestandteil der Digital Native Allgemeinbildung, falls Hausaufgaben noch nicht gemacht, hier entlang. Während man einen ganzen Tag mit Crockers Eigenproduktionen verbringen kann, wurde die Chris Crocker Oper hingegen nur zweimal aufgeführt, da doch ein sehr aufwendiges Projekt.
Während man Szenen aus der Show sieht, hört man Chiquets Gedanken über Musik, Musikschaffen, Rezipientenebene, die Oper – er spricht auf jeden Fall sehr reflektiert, sehr viele Bereiche an (was es jetzt auch schwierig macht dies wiederzugeben). An dieser Stelle empfehle ich deshalb, simplement, einen Besuch in der Galerie und vor allem auf Chiquets Homepage, auf der man einen Einblick in sein Kunstschaffen in den Kategorien Video/Installations/Performances/The bianca Story bekommt, die Kategorien in denen Chiquet meiner Meinung besonders hervortritt . Sprich, die Bilder in der Ausstellungen skizzieren solide die „Intepretation von Pop Themen wie Bühne, Musik, Performance und Selbstdarstellung“ und zeigen weiter „Bühneninszenierungen und halten den Ausdruck von Macht und Ruhm in einer bewussten Pop-Ästhetik fest“ (so Pressemitteilung).
Doch auch ohne die Elektro Oper gesehen zu haben, behaupte ich, dass sie Genanntes auf fast eindrücklichere Weise zu übermitteln scheint. Zitate daraus: „They are funny, loud and shrill“/ “Erfinde dich neu”
Hier geht es zu Fabian Chiquets Homepage
Und hier zur Claudia Groeflin Galerie
Master Ateliers der ZHDK
30/11/2009
Die Ateliers befinden sich in einem grossen Bürogebäude im Kreis 5. Wenn ich richtig verstanden habe, hat die ZHDK die Räumlichkeiten nur als Zwischenlösung gemietet, oder besser gesagt, die Ateliers wären eigentlich im Toni Areal geplant gewesen. Doch auch in den Büroräumen im Swisscom-Design haben sich die Studierenden gut eingerichtet. Beim Eingang fällt mir ein kleiner gebastelter Schrein auf, vielleicht hat er eine Funktion als Wächter über die Kreativität. Die Ateliers sind auf verschiedene Räume verteilt, es arbeiten mehrere KünstlerInnen in einem Raum. Alle Studierenden haben Anrecht auf einen Atelierplatz, wobei die Einsteiger auf Platzhirschverhältnisse stossen; sie müssen sich teilweise mit weniger Quadratmeter zufrieden geben. Jeder verfügbare Raum wird genutzt, so auch das WC. Wie die Künstler sind auch die Atelierplätze unterschiedlich und lassen mehr oder weniger über ihre Werke schliessen. Da es schon relativ spät war während des Besuches, befanden nicht mehr so viele Studierende vor Ort. Ich frage mich, welches Atelier zu was für einer Person gehören würde; voyeuristisches Memory sozusagen. Tagsüber, oder zu Zeiten der künsterlischen Action, muss sehr viel Betrieb herrschen in diesen Ateliers. Durch die offene Anlegung ist viel Austausch und Diskurs möglich. Es nimmt mich Wunder, wie die KünstlerInnen selbst dies beurteilen würden, auch in Bezug auf ihre Arbeiten. Erstaunt hat mich, eine doch sehr seriöse Atmosphäre vorzufinden, ich hatte mir da schon eher klischeehafte Szenarien ausgedacht a la verrückter Künstler in Paris mit Nacktmodel als Ateliereinrichtung. Durch die enge Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern (räumlich gesehen) lernen die Studierenden wohl neben der eigenen Entwicklung auch viel Toleranz anderen gegenüber. Nach den zwei Masterjahren gibt es eine Abschluss-Ausstellung, die jedoch von den Meisten bestanden wird, da die Eintrittshürde in die Masterstufe relativ hoch ist. Viele der Studierenden machen bereits häufig Ausstellungen, erzählt abschliessend Kostas Manolakis, der sich als Atelierführer zur Verfügung stellte (an dieser Stelle ein Danke). Man kann also gespannt sein, was noch so auf sich warten lässt von den Schluss-Studenten der ZHDK.
Hier zur Zürcher Hochschuler der Künste
(Fotos von Larkin Erdmann)
Jungkunst 2009
07/11/2009


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Jungkunst ist jährlich junge Kunst in Winterthur.
IMPRESSION 1/ TIKA
IMPRESSION 2/ “ME & MY…” VON ONUR UND RODJA RO* GALLI
IMPRESSION 3/ CORINNE ODERMATT
(Namen der Künstler klicken für deren Homepage)
Hier gehts zur Homepage der Ausstellung.
Marcus Coates “What is Hunger”
01/11/2009


Marcus Coates beantwortet Fragen, die ihm über verschieden Wege gestellt werden, weitaus weniger fassbar und vorausschaubar als unser alltäglich Brot (gib uns heute). Marcus Coates „makes a journey“. Er geht auf eine schamanistische Reise, sieht Dinge und versucht dann anhand dieser, die zu Begin gestellte Frage zu beantworten. Die Frage „Was ist Hunger“, welche ein Ausstellungsbesucher ein paar Tage davor in das Fragenheft bei der Kasse geschrieben hat, beantwortete er in der Kunsthalle einer kleinen Gruppe von Zuschauern, hauptsächlich uns Unibloggern. Coates platziert erst ein Haufen langer Ballone in der Mitte des Raumes, uns drum herum. Dann nimmt er mit seiner Musikmaschine einen Geräuschteppich auf; Ballonquietschen, und schaltet dann das Radio ein. Er fängt sich an zu konzentrieren und in einem bestimmten Moment nehme ich war, dass die Trance beginnt. Er bewegt sich, teilweise rhythmisch, macht Geräusche. Dann kriecht er auf dem Boden, nimmt die Ballone und knotet sie in einer bestimmten Weise zusammen. Einmal nehmen die Ballone fast Gestalt einer Person oder so an, die sich vor ihm aufrichtet. Am Schluss verknotet er sich fest in den Ballonhaufen rein und kehrt dann zurück aus seiner Reise.
Er erzählt uns, was er gesehen hat: Zuerst lief er auf einer Wiese, kam ans Meer wo er auf sitzende Vögel traf. Dann lief er lange der Küstenlinie lang, auf der einen Seite sah er Meer auf der anderen Wiese. Die Landschaft begann sich zu ändern und er fand sich in Afrika wieder und vernahm von weitem die Tiere der afrikanischen Steppe. Zum Schluss beobachtet er die Geburt eines Giraffenbabys. Was Marcus Coates dann genau geantwortet hat, weiss ich leider nicht mehr. Aber eine Hauptaussage war, dass Hunger ein Teil von uns ist, es ist ein Instinkt. Ich glaube, Coates geht es hauptsächlich um die schamansistischen Reisen die er macht und was er daraus ziehen kann. Man merkt, das ist nicht gespielt, das ist keine Show.
Geht’s denn auch um Kunst? Die Ausstellungsbeschreibung erzählt mir von „almost shamanistic acts“ und in der deutschen Übersetzung von „quasi-schamanistischen Akten“. Bullshit würde ich am liebsten sagen (und es ist gesagt). Warum das quasi? Kann Spiritualität in der Kunst nur mit einem quasi vorne dran existieren? Warum kann ein schamanistischer Akt einfach so wie er durchgeführt wird, nicht Kunst sein? Warum muss ein schamanistischer Akt in einem künstlerischen Rahmen passieren, damit er wahrgenommen wird? Warum findet man von Coates nur Bilder und Videos, bei denen der „almos shamanistic act“ inszeniert wirkt, mit Pelz auf dem Kopf und Sonnenbrille? Mir gefiel Coates in Shirt und Jeans und Skateboard nebendran besser. Warum werden Videos von seiner Galerie zurückgepfiffen? Coates wirkte sehr authentisch in dem was er tat, aber im Nachhinein hat sich bei mir der Quasimodus eingestellt, ausgelöst durch den K.Q., dem kapitalistischen Kunstmarkt.
Hier gehts zur Kunsthalle.
Hier der Link zu Marcus Coates via Workplace Gallery.
Freitag am Sonntag bei den Kunstpassanten
18/10/2009







Heute, Sonntag, darf ich über den Sonntag vor einer Woche schreiben. Robinson Crusoe schreibt über Freitag, ich schreibe über Sonntag. Während Crusoe an Gesellschaftsentzug leidet, finde ich mich unter dem dicken Engel im Bahnhof Zürich in einer grossen Menge an Gesellschaft wieder. Crusoe hätte vielleicht von einer lüsternen Gesellschaft gesprochen, denn es war nicht eine Gruppe Inseleinwohner auf der Suche nach einem Baboon zum Lunch. Es waren Kunstinteressierte, im Gegensatz zu Robinson, der nur Gemüse kultivierte, waren es kultivierte Kunstkultivatoren.
Es handelt sich um die erste Gruppe der Kunstpassanten; ein Projekt von Irene Grillo und Maren Brauner, dass durch Spaziergänge geführt von Künstlern und Theoretikern, Kunst im Stadtraum Zürich thematisiert. Ich trete als Freitag zur Gesellschaft, Freitag am Sonntag sozusagen, begierig zu wissen. Als Anführer dieses Spaziergangs erkenne ich San Keller. Als Häuptlingsstab dient ihm ein englischer Regenschirm. In meinem inneren Auge sehe ich die Gruppe im Gänsemarsch durch Zürich marschieren, an der Spitze der Truppe San Keller mit geöffnetem Schirm. In meinem Kurztraum fliegt er sogar teilweise als Mary Poppins der Kunstkultivatoren um Kunstwerke herum. Mein Magenknurren weckt mich, ich erlege noch schnell ein Lachs BBQ Sandwich in der Nordsee und sprinte dann dem Kunststamm hinterher Richtung der Billschen Steinkomposition an der Bahnhofstrasse. Nachdem wir erfolgreich die Bahnhofstrasse runtergepirscht sind, hören wir den ersten Beitrag. Ich bin noch etwas irritiert durch die grosse Gruppe, abgelenkt durch die Schaufenster von Wolford vis à vis und vom Konzept San Kellers. Keller macht eben performative Kunst (wie ich ihn später sagen höre), deshalb wird jedem, der was sagen möchte auf dem Rundgang, eine Bühne geboten und deshalb teilt San Keller auch am Schluss seine Gage von 800 Franken.
Die Gruppe zieht schon wieder weiter, ich eile hinterher. Nächste Station ist der Lindenhof. Wir bestaunen alle gemeinsam einen Kellereingang am Boden, irgendwas mit Römern, bekomme ich am Rand mit. Was mich aber wirklich fasziniert ist der Input einer Frau. Sie erzählt, dass es in den 80er Jahren Frauen gegeben habe, die in Menstruationszelten gemeinsam ihre Periode gefeiert hätten. Auf dem Lindenhof! Faszinierend! Vielleicht hätte Crusoe, wäre er weiblichen Geschlechts geboren, auf der Insel auch ein kleines Menstruationszelt aus Bananenblätter errichtet!
Wir steigen runter an die Limmat, schauen auf Betonboden, den hier soll in zukünftiger Zeit ein grosser Kran hingestellt werden. Kran oder Kunstkran? Kran wird aus dem altgriechischen Kranich abgeleitet, was mir sehr gut gefällt, deshalb tendiere ich zu Kunst, weil Kranich am Wasser gleich Kunstkran.Vor und später im Grossmünster heben sich unsere Köpfe Richtung der Fenster, die Sigmar Polke neu gestaltet hat. Ab da widmen wir uns vor allem den Zürcher Innenhöfen, den Inseln der Städte. Mit dem Stichwort Insel, sind wir wieder bei Robinson Crusoe angelangt. Ich, Freitag am Sonntag verabschiede mich zu diesem Zeitpunkt von der Gruppe, steige ins Tram und segle davon.
Die Spaziergänge der Kunstpassanten monatlich von Oktober 2009 bis Juni 2010. Infos hier.
Museum San Keller hier.
Anja Schori “BOX”
10/10/2009




Die Erde ist rund und dreht sich. Jede Stunde, Minute, Sekunde passiert irgendwo (irgend)was. An manchen Ereignissen nimmt man teil, zum Glück, an anderen nicht, zum Glück. Nicht teilgenommen habe ich an den diesjährigen Bieler Fototagen, die sich unter dem Titel “Bande à parte” um die Kategorien Individuum un Gemeinschaft drehten. Auch im Nachhinein noch interessant, das online Künstler-Programm mit einer Auswahl der ausgestellten Fotografien, informativen Werkbeschreibungen, sowie Audiokommentaren der Künstler/innen selber, zu finden da. Besonders aufgefallen ist mir die (Diplom-) Arbeit von Anja Schori über Frauen, die boxen. Die Arbeit hat sie in Buchform gestaltet, im Mittelpunkt stehen die Boxerinnen, Raum und Material.
“Anja Schori geht in ihrem Anliegen ungezwungen mit den Codes um und verwirft herkömmliche Vorgehensweisen – Schwarz-Weiss für den Dokumentarstil und grelle Farben für Modefotografie. Stile und Grenzen werden verschwommen, um neu und bedeutend unbeständiger definiert zu werden.”(Patrick Gosatti)
Grossartig ist der zugehörige Audioguide, Anja Schori feat. Mani Matter.
Inmitten des Prinzips
02/10/2009




Letzten Samstag führte mein Weg in die Bernische Capital an die Ausstellung “Inmitten des Prinzips” von egger/schlatter. Name der Ausstellung, wie auch der Künstler lösten in mir keine Reflexe aus, bis zu dem Moment als ich in die Loge, ein eckiger Holz- Kunstraum in einem grossen Vorhof eines beachtlichen Häuser-Us eintrete. Im Hof und anliegendem Cafe liegt ein Duft von cool und alternativ in der Luft, vielleicht auch ein Hauch stark porigem laisser faires. Nachdem mein Ausstellungsdate Hanna, das ist meine Mutter, die Weinkarte des Cafes mit einem „hier ist nichts bio, das gibt Kopfschmerzen“ abquittiert, steuern wir also direkt in den grossen Holz-Glas Kasten Loge. Der Eingang ist mit einem schweren Vorhang verhängt, wir treten ein ins Prinzip.
Es ist dunkel und es liegt ein spezieller Geruch in der Luft, wie ich folgend annehme vom in die Ausstellung integrierten, sich kopierenden Spiegel-Schleimpilzes. Ich sehe eine einfache Bank mit einer Wasserflasche daneben stehend (die Wasserflasche ein Fundobjekt, denke ich später), ein beleuchtetes miniature Haus (ein Gewächshaus, vernehme ich später), einen Träger aus Holz mit einem Grasgrün bezogenen Brett oben dran (ein Eulenständer, sehe ich später), auf dem Boden eine Fläche aus Spiegeln mit kleinen verfleckten Papieren drauf (der Schleimpilz, lese ich später) und dann noch eine grosse Leinwand. Auf der Leinwand projektiert sich ein Film und als ich den Film sehe oder besser höre, wird mir klar, schon mal eine solche Atmosphäre erlebt zu haben.
Es war an der Plattform 09, ich sass mit vielen anderen auf dem Boden und schaute auf die egger/schlatter Videoinstallation „der Verbund“. „Der Verbund“ in meinem Gedächtnis war ein Mann in einem sehr schönen Kleid, eine knochengreifende Musik teils instrumental teils Gesang, da waren Tiere, echte (Reh, Falke und Esel) und menschliche (in Verkleidung) und um alles kreiste die Rollschuhfrau. Es war als beobachtete ich ein Geheimtreffen, ein zerbrechliches Szenario in einem gemeinsamen Akt, aber die Akteure doch alle für sich abgeschottet, für ein richtiges Zusammenspiel vielleicht unfähig.
In der Loge höre ich nun wieder einem eindringlichen Gesang zu, schaue auf einen inszenierten Kongress von Akkordeonspielerin, Sänger, Eule, Karton-Wolf, Kostüm-Bär, Kostüm-Gorilla und Kostüm-Kuh. Gegen Ende wird eine Zündschnur gezündet und das Gewächshaus in die Luft verfeuerwerkt, jedoch nicht zu Asche, denn es steht ja im Raum neben mir. Ich bemerke, dass die ganze Symbolmöbilierung aus dem Film stammt und fühle mich, als hätte ich was verpasst, begnüge mich als zu spät Gekommene mit dem Film. Ich schaue den Film nochmals alleine, meine Mutter macht einen Gang zur Toilette. Sie kommt zurück; wir schauen den Film ein letztes mal und ich filme dabei. Dann lese ich den Text zur Ausstellung. Die Ausstellung wird auf die Gesellschaft bezogen. „Doch“, denke ich, „das habe ich auch gedacht, das Prinzip im System“. Man könnte auch denken, dass prinzipiell bei Spiegelungen der Gesellschaft, vor allem verschleimpilzten, eine gewaltvolle Feuerexplosion folgen muss. Willkür und Zerstörung im System sozusagen. Das denke ich, als mir bei der Betrachtung des Schleimpilzes mein Spiegelbild entgegenschaut. Heraklit kommt mir in den Sinn „Die Welt ist ewig lebendiges Feuer“.
Wir verlassen die Loge. Beim Überqueren des Bundesplatzes fragt mich meine Mutter „meinst du die haben gewusst, dass die Eule Veränderung bringt?“. Zuhause fragt mich google „hast du gewusst, dass Wölfe in der nordischen Mythologie für die Kraft des Chaos stehen?“. Ich frage mich, bedroht das Chaos die Veränderung? Oder haben Eule wie Wölfe dermassen festgeschriebene Positionen, auf dem Eulenständer und auf Karton, dass die einzige Veränderung Feuer bringen kann. Feuer im Gewächshaus, ein begrenzter und kontrollierter Raum des Wachstums. Es geht um Raumordnung, sagt der Ausstellungsbeschrieb, „dynamische Prozesse nehmen Räume ein“. Raumaneignung durch Feuer, aber auch Raumaneignung durch Atmen, Singen, Akkordeonspiel. Raumaneignung durch Existenz, Existenz durch Raumaneignung. Raumaneignung als Prinzip? Bourdieu sagt:
“Dès qu’il y a un espace social, il y a lutte, il y a lutte de domination, il y a un pôle dominant, il y a un pôle dominé, et dès ce moment-là, il y a des vérité antagonistes. Quoi qu’on fasse, la vérité est antagoniste. S’il y a une vérité, c’est que la vérité est un enjeu de lutte.”














